| transkript | SIMH Team

Transkript: Eine Stellvertretertechnik wird zur Regietechnik

Dieses Transkript dokumentiert eine therapeutische Sitzung aus einem Seminar in Seeham bei Salzburg. Es zeigt eindrucksvoll, wie sich eine Intervention während der Sitzung entwickeln und transformieren kann, wenn wir den Bedürfnissen der Klientin folgen.

Der geplante Ablauf: Stellvertretertechnik

Die Stellvertretertechnik (auch Surrogat-Technik genannt) ist eine etablierte hypnotherapeutische Methode:

  • Der Patient stellt sich vor, eine andere Person oder ein Teil von sich selbst zu sein
  • Durch diesen Perspektivwechsel entstehen neue Einsichten
  • Die Technik wird oft mit der Positivbild-Negativbild-Methode kombiniert

Therapeutischer Einstieg

T: Ich beginne mit einem kurzen Bodyscan zur Tranceinduktion...

Der Patient wird sanft in einen fokussierten Zustand geführt, in dem innere Bilder und Gefühle leichter zugänglich werden.

Der unerwartete Wendepunkt

Während der Sitzung beschreibt die Klientin:

K: Ich sehe ein kleines Kind... es hat Angst... es fühlt sich so hilflos...

Was hier geschieht:

Das innere Kind, das erscheint, ist nicht einfach nur ein Bild - es trägt eine traumatische Qualität. Es zeigt:

  • Angst - diffus und überwältigend
  • Hilflosigkeit - keine Kontrolle über die Situation
  • Verletzlichkeit - Ausgeliefertsein

Die therapeutische Entscheidung: Wechsel zur Regietechnik

Statt bei der ursprünglichen Stellvertretertechnik zu bleiben, reagiere ich auf das, was die Klientin braucht. Ich biete ihr eine Regisseurin-Perspektive an.

Was ist die Regietechnik?

Bei der Regietechnik (auch Beobachter- oder Regisseur-Technik):

  1. Der Patient nimmt eine Meta-Position ein
  2. Er betrachtet traumatische Szenen aus sicherer Distanz
  3. Er erhält Kontrolle über die Szene - wie ein Filmregisseur
  4. Er kann die Szene verändern, pausieren, umschreiben

T: Und während du dieses Kind siehst... könntest du dir vorstellen, dass du wie eine Regisseurin bist? Du kannst entscheiden, wie diese Szene weitergeht...

K: Ja... ich kann das sehen... aus der Ferne...

Der therapeutische Prozess

Phase 1: Distanz schaffen

Die Klientin betrachtet die Szene von außen - das reduziert die emotionale Überwältigung.

Phase 2: Selbstwirksamkeit fördern

T: Was würde dieses Kind jetzt brauchen? Was könntest du als Regisseurin tun?

K: Es braucht jemanden... jemanden, der es in den Arm nimmt... der sagt, dass alles gut wird...

Phase 3: Heilende Intervention

Die Klientin "inszeniert" nun eine neue Version der Szene - eine, in der das Kind die Fürsorge und Sicherheit erhält, die es damals nicht hatte.

K: Ich sehe mich selbst... wie ich zu dem Kind gehe... es hochhebe... es ist so leicht... und ich sage ihm: "Du bist sicher. Ich bin jetzt da."

Das therapeutische Ergebnis

Aus Angst und Hilflosigkeit entwickelt sich ein Happy End:

  • Das innere Kind erfährt Geborgenheit
  • Die erwachsene Klientin erlebt Selbstwirksamkeit ("Ich kann etwas tun")
  • Die Szene wird mit positivem Ausgang neu gespeichert
  • Symbolisches Fliegen - Freiheit, Leichtigkeit, Loslösen von alten Lasten

K: Und jetzt... fliegen wir... zusammen... es ist so schön...

Therapeutische Prinzipien hinter dieser Sitzung

1. Flexibilität

Die beste Intervention ist die, die im Moment passt - nicht die, die wir geplant hatten.

2. Dem Unbewussten folgen

Das "kleine Kind" kam spontan - das war kein Zufall. Das Unbewusste der Klientin zeigte, was bearbeitet werden musste.

3. Sicherheit durch Distanz

Bei traumatischen Inhalten ist die Regietechnik oft hilfreicher als direkte Konfrontation.

4. Selbstwirksamkeit als Heilfaktor

Die Klientin war nicht passives Opfer, sondern aktive Gestalterin ihrer Heilung.

Praktische Anwendung

Wann eignet sich die Regietechnik?

  • Bei traumatischen Erinnerungen, die zu überwältigend für direkte Arbeit sind
  • Wenn Patienten Kontrollverlust fürchten
  • Bei Dissoziationsneigung - die Distanz ist hier therapeutisch
  • Zur Neuverarbeitung alter Szenen mit positivem Ausgang

Wichtige Sicherheitsaspekte:

  1. Gute Stabilisierung vorher (Ressourcenarbeit, sicherer Ort)
  2. Langsame Annäherung - nicht zu schnell zu tief gehen
  3. Ausstiegsmöglichkeit kommunizieren ("Sie können jederzeit zurückkommen")
  4. Nachbearbeitung - was hat die Sitzung ausgelöst?

Fazit

Diese Sitzung zeigt, dass therapeutische Flexibilität kein "Abweichen vom Plan" ist, sondern oft genau das Richtige.

Die Stellvertretertechnik hätte funktionieren können - aber die Regietechnik war in diesem Moment das passendere Werkzeug.

Lernen wir Techniken, um sie zu kennen - aber nutzen wir sie, um zu heilen.


Hinweis: T = Therapeut, K = Klientin. Gesprochene Passagen sind kursiv dargestellt.

Warenkorb

Ihr Warenkorb ist leer